Meine Gehirnmacken: 1. Gesichtsblindheit
Namen und Gesichter merken muss man hauptsächlich wollen
Zugegeben: Gehirnmacke ist erstens kein Fachbegriff und
klingt zweitens etwas despektierlich. Da ich dieses Wort aber nur auf mich
selbst anwende, denke ich doch, dass das in Ordnung geht. Ich verstehe darunter
individuell bestehende Unzulänglichkeiten in den Bereichen Wahrnehmung,
Erinnerung und Urteilsbildung. Davon hat jeder von uns ziemlich wahrscheinlich viele.
Ich zumindest habe mehr, als gut für mich ist. Deshalb möchte ich zumindest gegen
die schlimmsten so langsam mal etwas unternehmen. Anfangen will ich mit meiner „Gesichtsblindheit“.
Man beachte bitte unbedingt die Anführungszeichen. Echte Gesichtsblindheit
ist eine ernsthafte Erkrankung, die unter anderem infolge eines Schlagabfalls
oder eines schweren Unfallereignisses auftreten kann und in unterschiedlichen
Intensitäten auftritt. Darunter leide ich zum Glück nicht.
Trotzdem verwende ich den Begriff für mein Problem, weil ich
mir oft so vorkomme, als litte ich tatsächlich unter diesem Phänomen. Ich weiß zum
Beispiel die Namen der meisten meiner Nachbarn nicht. Zwar sind mir die
Nachnamen von den Briefkastenschildern allesamt geläufig, aber sobald mir ein
Nachbar oder eine Nachbarin im Treppenhaus begegnet, habe ich keine Ahnung, um
wen es sich handelt. Ich bringe die Namen und Gesichter einfach nicht zusammen.
Häufig kommt es auch vor, dass ich auf einer Party mit
jemandem ins Gespräch komme, der sich am Anfang des Gesprächs natürlich meist
namentlich vorstellt. Den Namen habe ich nach spätestens zwei Minuten dann
schon wieder vergessen. Und schlimmer noch: Begegne ich diesem Menschen am
nächsten Tag auf der Straße, habe ich vielleicht noch das vage Gefühl, von
irgendwoher zu kennen, aber mir fällt es dann nicht ein. Selbst Menschen, die
ich schon mehrfach getroffen habe, aber in größeren Abständen, erkenne ich in
der Öffentlichkeit nicht wieder.
Nun war ich gerade gestern auf einer Party, wo viele Leute
anwesend waren, die ich nicht kannte. „So“, habe ich mir gedacht, als ich die
Terrasse betrat und mich daran machte, die Anwesenden einzeln zu begrüßen. „Jetzt
hörst du mal ganz aktiv hin, wenn die Leute dir beim Handshake ihren Namen
nennen, und versuchst, dir die Namen auch zu merken!“
Ich wendete dabei nicht einmal besondere mnemotechnische
Tricks an. Ich versuchte einfach nur, mir die Namen und die zugehörigen
Gesichter ganz bewusst zu merken. Als ich schließlich alle begrüßt hatte,
setzte ich mich mit meiner Frau an den nächsten freien Tisch und ließ meinen
Blick noch einmal in Ruhe von einem zum anderen schweifen. Ich war von mir
selbst überrascht, dass ich tatsächlich noch jedem seinen Namen zuordnen
konnte. Nach einigen Minuten wiederholte ich das Ganze noch einmal und dann
wieder nach ca. einer Stunde. Die Namen saßen immer noch.
Warum hat das funktioniert, wo ich doch sonst jeden Namen
innerhalb von Minuten vergesse?
Ganz einfach, würde ich sagen: Ich habe INTERESSE an den
Namen entwickelt und meinem Gehirn damit signalisiert: Achtung, hier kommen
wichtige Informationen! Bitte speichern!“
Ist das echt so einfach? Ja, das ist so einfach! Und diese
einfache Erkenntnis zeigt mir nicht nur, dass mein Gehirn etwas ganz Tolles
kann, sondern leider auch, dass ich bisher offenbar ein ziemlich ignoranter
Knilch gewesen bin, wenn mir Fremde ihren Namen nannten. Es hat mich
anscheinend nie wirklich interessiert. Gut, natürlich muss man das nicht als
echte und bewusste Gleichgültigkeit werten. Ich habe mich ja nie gedacht „Aha,
du heißt Dennis Hallmackenreuter – interessiert mich einen feuchten Kehricht“. Das
wäre dann keine Gehirnmacke, sondern ein charakterliches Defizit.
Nein, ich habe einfach vergessen, dass man sich bewusst
interessieren muss, wenn man etwas behalten will. Unser Gehirn kann eine ganze
Menge für uns tun – man muss es ihm nur sagen.
Also werde ich, angespornt von dieser Erkenntnis, in Zukunft
deutlich besser hinhören, wenn sich mir jemand vorstellt. Niemand hat es
verdient, in meiner Erinnerung unter „Dingsbums“ abgespeichert zu sein.
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