Samstag, 10. August 2013

Meine Gehirnmacken: 1. Gesichtsblindheit



Meine Gehirnmacken: 1. Gesichtsblindheit

 Namen und Gesichter merken muss man hauptsächlich wollen


Zugegeben: Gehirnmacke ist erstens kein Fachbegriff und klingt zweitens etwas despektierlich. Da ich dieses Wort aber nur auf mich selbst anwende, denke ich doch, dass das in Ordnung geht. Ich verstehe darunter individuell bestehende Unzulänglichkeiten in den Bereichen Wahrnehmung, Erinnerung und Urteilsbildung. Davon hat jeder von uns ziemlich wahrscheinlich viele. Ich zumindest habe mehr, als gut für mich ist. Deshalb möchte ich zumindest gegen die schlimmsten so langsam mal etwas unternehmen. Anfangen will ich mit meiner „Gesichtsblindheit“.

Man beachte bitte unbedingt die Anführungszeichen. Echte Gesichtsblindheit ist eine ernsthafte Erkrankung, die unter anderem infolge eines Schlagabfalls oder eines schweren Unfallereignisses auftreten kann und in unterschiedlichen Intensitäten auftritt. Darunter leide ich zum Glück nicht. 

Trotzdem verwende ich den Begriff für mein Problem, weil ich mir oft so vorkomme, als litte ich tatsächlich unter diesem Phänomen. Ich weiß zum Beispiel die Namen der meisten meiner Nachbarn nicht. Zwar sind mir die Nachnamen von den Briefkastenschildern allesamt geläufig, aber sobald mir ein Nachbar oder eine Nachbarin im Treppenhaus begegnet, habe ich keine Ahnung, um wen es sich handelt. Ich bringe die Namen und Gesichter einfach nicht zusammen.
Häufig kommt es auch vor, dass ich auf einer Party mit jemandem ins Gespräch komme, der sich am Anfang des Gesprächs natürlich meist namentlich vorstellt. Den Namen habe ich nach spätestens zwei Minuten dann schon wieder vergessen. Und schlimmer noch: Begegne ich diesem Menschen am nächsten Tag auf der Straße, habe ich vielleicht noch das vage Gefühl, von irgendwoher zu kennen, aber mir fällt es dann nicht ein. Selbst Menschen, die ich schon mehrfach getroffen habe, aber in größeren Abständen, erkenne ich in der Öffentlichkeit nicht wieder.

Nun war ich gerade gestern auf einer Party, wo viele Leute anwesend waren, die ich nicht kannte. „So“, habe ich mir gedacht, als ich die Terrasse betrat und mich daran machte, die Anwesenden einzeln zu begrüßen. „Jetzt hörst du mal ganz aktiv hin, wenn die Leute dir beim Handshake ihren Namen nennen, und versuchst, dir die Namen auch zu merken!“

Ich wendete dabei nicht einmal besondere mnemotechnische Tricks an. Ich versuchte einfach nur, mir die Namen und die zugehörigen Gesichter ganz bewusst zu merken. Als ich schließlich alle begrüßt hatte, setzte ich mich mit meiner Frau an den nächsten freien Tisch und ließ meinen Blick noch einmal in Ruhe von einem zum anderen schweifen. Ich war von mir selbst überrascht, dass ich tatsächlich noch jedem seinen Namen zuordnen konnte. Nach einigen Minuten wiederholte ich das Ganze noch einmal und dann wieder nach ca. einer Stunde. Die Namen saßen immer noch.

Warum hat das funktioniert, wo ich doch sonst jeden Namen innerhalb von Minuten vergesse? 

Ganz einfach, würde ich sagen: Ich habe INTERESSE an den Namen entwickelt und meinem Gehirn damit signalisiert: Achtung, hier kommen wichtige Informationen! Bitte speichern!“

Ist das echt so einfach? Ja, das ist so einfach! Und diese einfache Erkenntnis zeigt mir nicht nur, dass mein Gehirn etwas ganz Tolles kann, sondern leider auch, dass ich bisher offenbar ein ziemlich ignoranter Knilch gewesen bin, wenn mir Fremde ihren Namen nannten. Es hat mich anscheinend nie wirklich interessiert. Gut, natürlich muss man das nicht als echte und bewusste Gleichgültigkeit werten. Ich habe mich ja nie gedacht „Aha, du heißt Dennis Hallmackenreuter – interessiert mich einen feuchten Kehricht“. Das wäre dann keine Gehirnmacke, sondern ein charakterliches Defizit.

Nein, ich habe einfach vergessen, dass man sich bewusst interessieren muss, wenn man etwas behalten will. Unser Gehirn kann eine ganze Menge für uns tun – man muss es ihm nur sagen.
Also werde ich, angespornt von dieser Erkenntnis, in Zukunft deutlich besser hinhören, wenn sich mir jemand vorstellt. Niemand hat es verdient, in meiner Erinnerung unter „Dingsbums“ abgespeichert zu sein.


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